Jede:r Radfahrer:in kennt dieses Dilemma. Der Trainingsplan ist bereits voll, die verfügbare Zeit knapp und trotzdem empfehlen wir Trainer:innen zusätzliches Krafttraining. Doch lohnt sich das wirklich? Oder wäre eine weitere Radeinheit die bessere Investition?
Ob Krafttraining im Radsport sinnvoll ist, hängt von deinen Zielen, deinem Trainingsumfang und deiner langfristigen Trainingsplanung ab. Die aktuelle sportwissenschaftliche Evidenz zeigt jedoch eindeutig: Krafttraining kann sowohl die Gesundheit als auch die Leistungsfähigkeit verbessern – allerdings nicht für jede:n Athlet:in in jeder Situation gleichermaßen.

Gesundheit oder Leistung – was ist dein Ziel?
Die wichtigste Frage lautet zunächst:
Warum trainierst du überhaupt?
Möchtest du gesund bleiben, dein Herz-Kreislauf-System stärken und bis ins hohe Alter leistungsfähig sein? Oder möchtest du bei deinem nächsten Rennen möglichst schnell fahren?
Diese beiden Ziele führen nicht zwangsläufig zur gleichen Trainingsentscheidung.
Krafttraining für die Gesundheit
Radfahren zählt zweifellos zu den besten Ausdauersportarten überhaupt. Regelmäßiges Ausdauertraining reduziert nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und zahlreiche weitere chronische Erkrankungen.
Doch Radfahren hat auch Grenzen.
Die Bewegung erfolgt nahezu ausschließlich in einer Ebene, der Bewegungsumfang ist relativ klein und Stoßbelastungen fehlen fast vollständig.
Dadurch werden wichtige Strukturen nur wenig trainiert:
- Knochen
- Sehnen
- Rumpfmuskulatur
- stabilisierende Muskulatur
- Schnellkraft
Genau hier setzt Krafttraining an.
Für die allgemeine Gesundheit ist Krafttraining deshalb keine Option, sondern eine wichtige Ergänzung.
Viele denken beim Krafttraining ausschließlich an größere Muskeln. Tatsächlich profitieren Radfahrer:innen vor allem von neuromuskulären Anpassungen. Gerade im Bergfahren, bei Sprints oder langen Rennen kann dies entscheidende Vorteile bringen.

Wenn Leistung das Ziel ist
Im leistungsorientierten Radsport sieht die Antwort differenzierter aus.
Denn hier spielt ein weiterer Faktor eine entscheidende Rolle:
Die Opportunitätskosten
Jede Stunde, die du trainierst, kannst du nur einmal investieren.
Deshalb stellt sich die Frage:
Bringt mir eine Stunde im Fitnessstudio mehr als eine zusätzliche Stunde auf dem Rad?
Die Antwort hängt in erster Linie vom gesamten Trainingsumfang ab.
Wenig Trainingszeit?
Trainierst du beispielsweise drei bis fünf Stunden pro Woche, bringt eine zusätzliche Radeinheit häufig den größeren Leistungsgewinn.
Warum?
Weil sich Ausdauerleistung in erster Linie durch sportartspezifisches Training verbessert.
Mehr Zeit auf dem Rad bedeutet:
- bessere Fahrtechnik
- höhere Ökonomie
- verbesserte Ausdauer
- spezifischere Anpassungen
In dieser Situation sind zusätzliche Radkilometer meist effektiver als eine weitere Krafttrainingseinheit.
Viel Trainingszeit?
Ganz anders sieht es bei ambitionierten Radfahrer:innen aus.
Wer bereits acht, zehn oder mehr Stunden pro Woche trainiert, profitiert häufig deutlich von ergänzendem Krafttraining.
Studien zeigen unter anderem Verbesserungen bei:
- maximaler Kraft
- neuromuskulärer Effizienz
- Sprintleistung
- Zeitfahrleistung
- Ermüdungsresistenz
- Bewegungsökonomie
Interessanterweise verbessert Krafttraining die VO₂max meist kaum. Dennoch können Athlet:innen durch eine effizientere Kraftübertragung und eine bessere muskuläre Belastbarkeit länger hohe Leistungen aufrechterhalten.
Gerade in langen Rennen oder anspruchsvollen Anstiegen kann dies entscheidende Vorteile bringen.
Der oft unterschätzte Faktor: Adhärenz
Ein Trainingsplan ist nur dann gut, wenn er langfristig umgesetzt wird. In der Sportwissenschaft spricht man von Adhärenz – also der Fähigkeit, ein Trainingsprogramm dauerhaft einzuhalten. Wenn du das Fitnessstudio nicht magst und jede Einheit als Belastung empfindest, wirst du wahrscheinlich früher oder später damit aufhören.Deshalb sollte jeder Trainingsplan nicht nur wissenschaftlich sinnvoll sein, sondern auch in deinen Alltag passen.
Konstanz schlägt Perfektion.
Ein etwas weniger perfekter Plan, den du zwölf Monate konsequent umsetzt, ist meist erfolgreicher als der theoretisch ideale Trainingsplan, der nach vier Wochen wieder endet.
Was sagt die aktuelle Forschung?
Die wissenschaftliche Evidenz der letzten Jahre ist erstaunlich eindeutig:
Ein gut geplantes Krafttraining
- verbessert die maximale Kraft
- erhöht die neuromuskuläre Leistungsfähigkeit
- verbessert die Bewegungsökonomie
- reduziert das Verletzungsrisiko
- unterstützt den Erhalt der Muskelmasse
- wirkt dem altersbedingten Kraftverlust entgegen
Wichtig ist jedoch:
Krafttraining ersetzt das Radtraining nicht – es ergänzt es.
Die größten Leistungsverbesserungen entstehen durch die richtige Kombination aus sportartspezifischem Ausdauertraining, sinnvoll dosiertem Krafttraining sowie ausreichender Regeneration.
Die Sportrix-Empfehlung
Es gibt keine pauschale Antwort auf die Frage:
"Soll ich ins Fitnessstudio oder aufs Rad?"
Die richtige Entscheidung hängt immer von drei Faktoren ab:
1. Deine Ziele
Trainierst du für Gesundheit, Wettkampf oder beides?
2. Deine verfügbare Zeit
Je geringer dein Trainingsumfang, desto wichtiger wird die Priorisierung.
3. Deine Vorlieben
Das beste Trainingsprogramm ist jenes, das du langfristig konsequent umsetzt.
Conclusio Gym oder Rad?
Die richtige Antwort lautet nicht: Gym oder Rad? sondern
Wie kombiniere ich beide Trainingsformen so, dass sie optimal zu meinen Zielen, meinem Alltag und meinem Leistungsniveau passen?
Für Gesundheit ist Krafttraining eine unverzichtbare Ergänzung.
Für leistungsorientierte Radfahrer:innen kann gezieltes Krafttraining – richtig periodisiert – die entscheidenden Prozentpunkte Leistungssteigerung bringen.
Am Ende entscheiden jedoch nicht einzelne Trainingseinheiten über deinen Erfolg, sondern die Summe vieler guter Entscheidungen über Monate und Jahre.
Trainiere intelligent. Trainiere langfristig. Trainiere wissenschaftlich.
FAQs
Verbessert Krafttraining die Leistung beim Radfahren?
Ja. Besonders Maximalkraft, Bewegungsökonomie, Sprintleistung und Ermüdungsresistenz profitieren von gezieltem Krafttraining.
Wie oft sollten Radfahrer:innen Krafttraining machen?
Für die allgemeine Gesundheit empfehlen sich zwei Einheiten pro Woche. Im leistungsorientierten Bereich reichen während der Wettkampfsaison häufig ein bis zwei Erhaltungseinheiten.
Macht Krafttraining Radfahrer:innen schwerer?
Nicht zwangsläufig. Ein leistungsorientiertes Krafttraining zielt vor allem auf neuromuskuläre Anpassungen und maximale Kraft ab – nicht auf Muskelmasse wie im klassischen Bodybuilding.
Soll ich im Winter oder ganzjährig Krafttraining machen?
Die besten Ergebnisse werden mit einem ganzjährigen, periodisierten Krafttraining erzielt. Im Winter können Umfang und Intensität höher sein, während in der Wettkampfsaison kürzere Erhaltungseinheiten meist ausreichen.





