Sportrix Anita Portrait
Anita Birklbauer
03.09.2026

Kardiologische Rehabilitation 2026: Warum Bewegung mehr ist als „Training fürs Herz“

Herzkrank und trotzdem sportlich? Im neuen Gesamtkonzept der ESC-Leitlinien für Rehabilitation spielen Bewegung und Training eine zentrale Rolle.

Eine Herzerkrankung verändert vieles. Plötzlich stellt sich nicht mehr nur die Frage: „Was darf ich noch machen?“ Sondern auch: „Wie viel Belastung ist sinnvoll? Wie kann ich wieder Vertrauen in meinen Körper entwickeln? Und wann kann ich wieder Sport treiben?“

Die gerade veröffentlichten 2026 ESC Guidelines on cardiac rehabilitation setzen hier neue Maßstäbe. Erstmals widmet die European Society of Cardiology der kardiologischen Rehabilitation eigene umfassende Leitlinien. Darin wird deutlich, dass Rehabilitation nicht erst nach einem Herzereignis beginnt und auch nicht mit dem Ende eines Rehabilitationsprogramms abgeschlossen ist. Sie soll vielmehr als kontinuierlicher Prozess verstanden werden: von der Vorbereitung auf eine Operation über die Akutphase bis hin zur langfristigen Prävention und Gesundheitsförderung.

aus: Doi: 0.1093/eurheartj/ehag099

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Kardiologische Rehabilitation ist heute deutlich mehr als Bewegungstherapie.
  • Strukturiertes Training ist eine zentrale Säule und verbessert unter anderem die körperliche Leistungsfähigkeit und VO₂peak.
  • Training muss individuell dosiert werden. Eine umfassende funktionelle Untersuchung ist die Grundlage für eine sichere und passende Trainingsplanung.
  • Viele unterschiedliche Herzerkrankungen profitieren von Rehabilitation – darunter koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, bestimmte Klappenerkrankungen, angeborene Herzerkrankungen und weitere Krankheitsbilder.
  • Psychische Gesundheit, Ernährung, Lebensstil und Selbstmanagement gehören dazu.
  • Rehabilitation kann zunehmend auch zu Hause oder hybrid stattfinden, wenn dies medizinisch und individuell sinnvoll ist.

Was ist kardiologische Rehabilitation eigentlich?

Kardiologische Rehabilitation wird in den neuen ESC-Leitlinien als umfassender, multidisziplinärer und patientenzentrierter Prozess verstanden. Das bedeutet, es geht nicht ausschließlich darum, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Damit verschiebt sich auch der Blickwinkel.

Nicht ausschließlich die Frage „Wie viele Watt schafft jemand?“ steht im Mittelpunkt.

Sondern vielmehr:

Was möchte die Person wieder können und wie kommen wir sicher dorthin?

Genau diese patientenzentrierte Zielsetzung wird in den neuen Leitlinien besonders hervorgehoben. Der / Die Patient:in sollen gemeinsam mit dem Behandlungsteam Ziele definieren, die für ihren Alltag tatsächlich relevant und auch realistisch sind.

Für wen ist kardiologische Rehabilitation sinnvoll?

Die klassische Vorstellung lautet häufig: Rehabilitation braucht man nach einem Herzinfarkt. Das greift heute deutlich zu kurz. Passend dazu sehen auch die ESC-Leitlinien die kardiologische Rehabilitation bei einer Vielzahl kardiovaskulärer Erkrankungen vor. Dazu gehören unter anderem:

  • nach einem akuten Koronarsyndrom,
  • bei chronischen Koronarsyndromen,
  • bei chronischer Herzinsuffizienz – sowohl HFrEF als auch HFpEF,
  • nach einer Herztransplantation,
  • nach bestimmten Herzklappenoperationen,
  • nach Aortenklappenersatz mittels SAVR oder TAVI,
  • bei angeborenen Herzerkrankungen,
  • bei Vorhofflimmern,
  • bei implantierten kardialen Geräten,
  • bei bestimmten Kardiomyopathien,
  • bei Patient mit Krebs und erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen der Therapie,
  • sowie bei Gebrechlichkeit und relevanten Begleiterkrankungen.

Rehabilitation endet nicht nach einigen Wochen

Ein weiterer wichtiger Punkt der neuen Leitlinien ist die Betrachtung der Rehabilitation als kontinuierlichen Prozess. Die ESC beschreibt verschiedene Phasen:

Phase 0 (Prehabilitation), Phase I bis Phase III. Diese Phasen sollten jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr bilden sie verschiedene Abschnitte eines kontinuierlichen Weges im Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Gerade die Kontinuität ist wieder für Sportler:innen interessant. Denn generell und speziell für Sportler:innen sollte das Ziel ja nicht nur sein, ein Rehabilitationsprogramm „abzuschließen“. Das eigentliche Ziel ist:

Vertrauen in den eigenen Körper entwickeln und wieder Bewegung und Sport zu integrieren.

Training: Eine der wichtigsten Säulen der Rehabilitation

Für mich als Sportwissenschafterin und Trainingstherapeutin ist dieser Punkt besonders relevant.

Die neuen ESC-Leitlinien stellen klar:

Strukturiertes Bewegungstraining ist ein zentraler Bestandteil der kardiologischen Rehabilitation.

Training verbessert die körperliche Funktionsfähigkeit und die aerobe Leistungsfähigkeit. Dazu gehören beispielsweise die Gehfähigkeit, die Ausdauerleistungsfähigkeit und die VO₂peak.

Und der Effekt geht über das hinaus, was allein durch eine medikamentöse Therapie erreicht werden kann. Dabei geht es nicht darum, möglichst hart zu trainieren. Es geht darum, die richtige Belastung für die jeweilige Person zum richtigen Zeitpunkt zu finden.

Wie wird das Training dosiert?

aus: Doi: 10.1093/eurheartj/ehag099

Die ESC orientiert sich bei der Trainingsplanung am bekannten FITT-VP-Prinzip:

F – Frequency: Wie häufig wird trainiert?

I – Intensity: Mit welcher Intensität?

T – Time: Wie lange dauert die Belastung?

T – Type: Welche Trainingsform wird eingesetzt?

V – Volume: Welches Gesamtvolumen ergibt sich?

P – Progression: Wie wird die Belastung im Verlauf gesteigert?

Dieses Prinzip macht deutlich, warum ein allgemeiner Trainingsplan für Menschen mit Herzerkrankungen häufig nicht ausreicht. Denn zwei Menschen mit derselben Diagnose können sich hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Symptomen, Medikamenten, Begleiterkrankungen und Trainingshistorie erheblich unterscheiden.Die Leitlinien empfehlen deshalb ausdrücklich eine umfassende funktionelle Untersuchung vor der Trainingsplanung. Dabei soll die Trainingssteuerung nicht ausschließlich auf der VO₂peak basieren.

Ausdauer alleine reicht nicht

Kardiologisches Training bedeutet auch nicht automatisch „mehr Ausdauertraining“.

Die aktuellen ESC-Leitlinien empfehlen je nach Krankheitsbild die Kombination verschiedener Trainingsformen.

  • Bei Patient mit chronischem Koronarsyndrom wird beispielsweise eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining vorgeschlagen.
  • Bei chronischer Herzinsuffizienz können zusätzlich inspiratorische Muskeltrainingsformen sinnvoll sein, sofern sie toleriert werden.
  • Damit bekommt auch Krafttraining in der kardiologischen Rehabilitation einen wichtigen Stellenwert.
  • Denn körperliche Leistungsfähigkeit besteht nicht nur aus einer guten aeroben Kapazität.

Muskelkraft, muskuläre Ausdauer und funktionelle Leistungsfähigkeit sind ebenfalls entscheidend dafür, wie selbstständig jemand seinen Alltag bewältigen kann.

Und was ist mit HIIT?

Das ist vermutlich eine der spannendsten Fragen für sportliche Personen. Denn gerade bei ambitionierten Freizeitsportler:innen entsteht nach einer Herzerkrankung häufig ein innerer Konflikt:

„Ich bin gewohnt, intensiv zu trainieren – darf ich das wieder?“

Die ESC-Leitlinien greifen auch tatsächlich das spannende Thema High-Intensity Interval Training (HIIT) auf.

Die bisherige Evidenz zeigt, dass HIIT bei bestimmten Patientengruppen die VO₂peak bzw. die maximale Belastbarkeit stärker verbessern kann als moderates kontinuierliches Ausdauertraining oder zumindest einen ähnlichen Effekt in kürzerer Trainingszeit erreichen kann.

Gleichzeitig gibt es wichtige Einschränkungen. Noch ist nicht ausreichend geklärt, welches HIIT-Protokoll für welche Patientengruppe optimal ist. Außerdem fehlen insbesondere für vollständig unbeaufsichtigte Trainingsformen ausreichende Sicherheitsdaten. Deshalb empfehlen die neuen Leitlinien, HIIT bei geeigneten und medizinisch freigegebenen Patient vor allem unter entsprechender Supervision einzusetzen.

Das bedeutet:

Intensives Training ist nicht grundsätzlich verboten. Es muss aber medizinisch und trainingswissenschaftlich sinnvoll eingeordnet werden.

Leistungsdiagnostik: Die Grundlage für individuelle Trainingssteuerung

Gerade hier liegt eine wichtige Schnittstelle zwischen Kardiologie und Trainingstherapie (Sportwissenschaft). Denn:

Wenn Training individuell dosiert werden soll, braucht es eine möglichst gute Grundlage für die optimale Dosierung.

Eine Leistungsdiagnostik kann dabei helfen, die individuelle Belastbarkeit besser zu beurteilen und Trainingsbereiche zu definieren.

Bei entsprechender Indikation kann eine Spiroergometrie bzw. kardiopulmonale Belastungsuntersuchung wertvolle Informationen über

  • die maximale bzw. erreichbare Sauerstoffaufnahme,
  • ventilatorische Schwellen,
  • Herzfrequenzverhalten,
  • Atemantwort,
  • Belastbarkeit und
  • das Zusammenspiel von Herz, Kreislauf und Atmung

liefern.

Wichtig dabei ist: Die ESC-Leitlinien betonen ausdrücklich, dass die Trainingsplanung nicht ausschließlich auf der VO₂peak beruhen soll, sondern eine umfassende funktionelle Beurteilung erforderlich ist. Gerade bei Menschen, die nach einer Herzerkrankung wieder sportlich aktiv werden möchten, kann deshalb eine individuelle Leistungsdiagnostik eine wichtige Grundlage für die weitere Trainingssteuerung sein. Selbst eine Laktatdiagnostik kann schon sehr hilfreich sein, wenn keine Spiroergometrie verfügbar ist, denn auch Laktat ist für die Trainingsplanung ein wichtiger Marker für bestimmte Erkrankungen.

Rehabilitation endet nicht nach einigen Wochen

Ein weiterer wichtiger Punkt der neuen Leitlinien ist die Betrachtung der Rehabilitation als kontinuierlichen Prozess. Die ESC beschreibt verschiedene Phasen:

Phase 0: Prehabilitation – Vorbereitung beispielsweise auf einen Eingriff

Phase I: Rehabilitation während der akuten Krankenhausphase

Phase II: strukturierte Rehabilitation nach dem akuten Ereignis

Phase III: langfristige Betreuung, Prävention und Gesundheitsförderung

Diese Phasen sollten nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr bilden sie verschiedene Abschnitte eines kontinuierlichen Weges im Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Das ist gerade für Sportler interessant. Denn das Ziel sollte nicht lediglich sein, ein Rehabilitationsprogramm „abzuschließen“. Und das passt auch perfekt in den Zugang der Trainingstherapie, wo ein kontinuierliches Adaptieren der Dosis und vor allem Intensitäten ein zentraler Punkt in der Betreuung ist.

Das eigentliche Ziel ist:
wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln und Bewegung langfristig sicher in den Alltag und – wenn möglich – auch wieder in den Sport zu integrieren.

Rehabilitation ist mehr als Training

Die neuen ESC-Leitlinien machen außerdem deutlich, dass eine moderne kardiologische Rehabilitation verschiedene Bereiche miteinander verbindet.

Dazu gehören unter anderem:

  • Bewegung und Training
  • Ernährung
  • Gewichts- und Körperzusammensetzungsmanagement
  • Rauchstopp
  • psychosoziale Unterstützung
  • Gesundheitskompetenz
  • Medikamentenmanagement
  • Verhalten und Selbstmanagement
  • Beratung zu körperlicher Aktivität und sitzendem Verhalten.

Die Betreuung soll dabei multidisziplinär erfolgen. Zum Team können unter anderem Kardiolog, Ärzt für physikalische und rehabilitative Medizin, Pflegefachpersonen, Sportwissenschafter bzw. Exercise Physiologists, Physiotherapeut, Ernährungsexpert, Psycholog und weitere Berufsgruppen gehören.

Genau diese Zusammenarbeit macht kardiologische Rehabilitation so wertvoll.

Auch die Psyche gehört zur Rehabilitation

Nach einem Herzereignis verändert sich nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit. Viele Patient erleben Unsicherheit, Angst vor einer erneuten Verschlechterung oder verlieren das Vertrauen in den eigenen Körper.

Die ESC beschreibt beispielsweise Gefühle von Schuld, Angst vor einem erneuten Ereignis und einen Vertrauensverlust in den eigenen Körper als mögliche Herausforderungen nach einem kardialen Ereignis.

Das ist auch aus trainingswissenschaftlicher Sicht relevant. Denn ein Patient kann körperlich bereits wieder deutlich belastbarer sein und sich trotzdem nicht trauen, diese Belastbarkeit auszuschöpfen. Sicherheit entsteht nicht nur durch medizinische Freigabe. Sie entsteht auch durch Erfahrung. Und genau hier kann kontrolliertes, individuell gesteuertes Training einen wichtigen Beitrag leisten.

Rehabilitation darf individueller werden

Eine der großen Stärken der neuen Leitlinien ist deshalb der patientenzentrierte Ansatz.

Nicht jede Person braucht dasselbe.

Neben der Art des Herzereignisses müssen Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, körperliche Leistungsfähigkeit, berufliche Anforderungen, Alltag, Trainingsgeschichte und persönliche Ziele klar für die Trainingsplanung berücksichtigt werden. Die Leitlinien betonen ausdrücklich die Bedeutung gemeinsamer Zielsetzung und einer individuellen Anpassung der Rehabilitation.

Für eine aktive Person kann das Ziel beispielsweise sein: wieder schmerzfrei spazieren zu gehen.
Für eine andere: wieder mehrere Stockwerke steigen zu können.
Und für eine sportlich trainierte Person vielleicht: wieder 100 km Rad zu fahren, einen Halbmarathon zu laufen oder einen Triathlon zu absolvieren.

Die Diagnose ist dabei der Ausgangspunkt – nicht das Trainingsziel.

Trainingstherapie kann eine Brücke sein

Für mich liegt die besondere Stärke der Trainingstherapie deshalb genau an dieser Schnittstelle:

zwischen medizinischer Rehabilitation und selbstständiger Bewegung.

Zwischen

„Ich darf mich wieder bewegen.“

und

„Ich weiß, wie ich mich wieder bewegen kann.“

Und zwischen

„Ich habe Angst, mich zu belasten.“

und

„Ich kenne meine Belastungsgrenzen und kann sie Schritt für Schritt erweitern.“

Das gilt für Menschen, die nach einer Herzerkrankung wieder mehr Selbstständigkeit im Alltag erreichen möchten, genauso wie für ambitionierte Sportler, die wieder zu ihrem Sport zurückkehren wollen. Genau hier setzt Trainingstherapie an.

Nicht die Diagnose allein bestimmt das Training.

Sie ist der Ausgangspunkt. Entscheidend ist:
Wer ist diese Person?
Was kann sie aktuell?
Was möchte sie wieder können?
Und welcher Weg ist dafür sicher und sinnvoll?

Mein Fazit

Die neuen ESC-Leitlinien zeigen sehr deutlich: Kardiologische Rehabilitation ist ein langfristiger, individueller Prozess – und Bewegung und Training sind dabei zentrale Bausteine.

Trainingstherapie kann hier eine wichtige Brücke sein.

Ob jemand nach einer Herzerkrankung wieder sicher im Alltag aktiv werden möchte, körperliche Leistungsfähigkeit zurückgewinnen möchte oder als Sportler den Weg zurück zum bisherigen Sport sucht: Entscheidend ist eine individuelle Belastungssteuerung, die medizinische Sicherheit und trainingswissenschaftliche Expertise miteinander verbindet. Und dafür muss Training nicht immer im Rehazentrum stattfinden.

Individuelle Trainingstherapie kann auch zu Hause stattfinden – dort, wo Bewegung schließlich wieder Teil des normalen Lebens werden soll.

Für Menschen, die wieder sportlich aktiv werden möchten, kann sie darüber hinaus ein wichtiger Schritt sein, um von der medizinischen Rehabilitation zurück zu einem strukturierten und zielgerichteten Training zu kommen.

Denn Rehabilitation sollte nicht bei der Frage enden: „Was darf ich wieder machen?“

Sondern möglichst bei: „Was möchte ich wieder machen – und wie kommen wir sicher dorthin?“

Sie möchten nach einer Herzerkrankung wieder aktiver werden?

Ob es darum geht, wieder sicher im Alltag aktiv zu sein, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern oder nach einer Herzerkrankung Schritt für Schritt zum Sport zurückzukehren: Ein individuell abgestimmtes Training kann dabei ein wichtiger Baustein sein.

Bei Sportrix verbinden wir sportwissenschaftliche Expertise, Trainingstherapie und Leistungsdiagnostik, um Training individuell an die jeweilige Situation und die persönlichen Ziele anzupassen.

Der erste Schritt ist dabei nicht: „Wie viel darf ich trainieren?“

Sondern:

„Wo stehe ich aktuell – und wo möchte ich wieder hin?“

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FAQs

Warum reicht es nicht, einfach „mehr Sport“ zu machen?

Nein, weil Training bei einer Herzerkrankung gezielt gesteuert werden sollte. Vor Beginn bzw. bei der Anpassung des Trainings spielen unter anderem die aktuelle Leistungsfähigkeit, Symptome, Begleiterkrankungen und die individuelle Belastbarkeit eine Rolle. Die ESC empfiehlt deshalb eine umfassende Beurteilung und eine individualisierte Rehabilitation. Mit einer Trainingstherapie können wir das nach der Reha ideal fortführen: Belastung messen, richtig dosieren, beobachten und Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Ich habe eine Herzerkrankung – darf ich überhaupt intensiv trainieren?

Ja, aber nicht einfach nach Gefühl. Ob und wie intensiv trainiert werden kann, hängt von Erkrankung, Belastbarkeit, Symptomen und individuellem Risiko ab. Genau hier setzt Trainingstherapie an: Belastung wird beurteilt, dosiert und Schritt für Schritt angepasst. Entscheidend ist hier die richtige Dosis für die richtige Person evaluiert an einer Leistungsdiagnostik.

Ist Schonung nach einem Herzereignis wirklich die beste Strategie?

Nein – Bewegung ist Teil der Therapie. Die neuen ESC-Leitlinien sehen körperliche Aktivität und strukturiertes Training als zentralen Bestandteil der kardialen Rehabilitation. Entscheidend ist nicht ob man sich bewegt, sondern wie, wann und mit welcher Intensität.

Kann ich mit Herzschwäche oder Vorhofflimmern überhaupt trainieren?

In vielen Fällen: ja. Die neuen Leitlinien beziehen unter anderem Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, Klappenerkrankungen, angeborene Herzerkrankungen und weitere Patientengruppen ausdrücklich ein. Auch höheres Alter, Gebrechlichkeit oder Begleiterkrankungen sind nicht automatisch ein Grund, auf Rehabilitation und vor allem auf Training zu verzichten. Wichtig ist, dass Training nicht nach Schema F ablaufen zu lasssen, sondern das ganze individuell anzugehen.

Warum brauche ich Trainingstherapie – ich kann doch einfach spazieren gehen?

Spazierengehen ist Bewegung. Trainingstherapie ist gezielte Belastungssteuerung. Das Ziel ist, aus medizinischen Befunden und der individuellen Leistungsfähigkeit einen sicheren und wirksamen Trainingsplan zu entwickeln und diesen im Verlauf anzupassen. Genau diese individuelle, patientenzentrierte Herangehensweise wird in den neuen ESC-Leitlinien betont.

Fachlicher Hintergrund zu diesem Blog

Dieser Beitrag basiert auf den 2026 ESC Guidelines on cardiac rehabilitation, den ersten eigenständigen Leitlinien der European Society of Cardiology zur kardiologischen Rehabilitation. Die Leitlinien wurden von einem multidisziplinären Expert erstellt und berücksichtigen die verfügbare Evidenz aus randomisierten Studien, systematischen Reviews und Metaanalysen.

Wichtig: Für mich als Trainingstherapeutin heißt es trotzdem noch immer, dass ob und in welcher Form Training nach einer Herzerkrankung durchgeführt werden kann, hängt immer von der jeweiligen Diagnose, dem klinischen Zustand, der Medikation, der funktionellen Leistungsfähigkeit und weiteren individuellen Faktoren ab. Die ESC betont ausdrücklich die individuelle Situationen der Patient:innen zu berücksichtigen.

Bäck et al.ESC Guidelines on cardiac rehabilitation: Developed by the task force on cardiac rehabilitation of the European Society of Cardiology (ESC)Endorsed by the European Society of Physical and Rehabilitation Medicine (ESPRM) and World Organization of Family Doctors (WONCA), European Heart Journal, 2026;, ehag099, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag099

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