Eine niedrige Ruheherzfrequenz kann bei Athlet:innen zwei sehr unterschiedliche Ursachen haben: Sie kann Ausdruck eines leistungsfähigen, gut versorgten Herz-Kreislauf-Systems sein – oder aber das Ergebnis einer metabolischen Anpassung an chronische Energieverfügbarkeit, wie sie bei Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) auftritt. Ohne den entsprechenden Kontext ist die Herzfrequenz allein kein verlässlicher Indikator für Gesundheit.
Warum eine niedrige Ruheherzfrequenz (Bradykardie) so positiv bewertet wird
Seit Jahrzehnten wird eine niedrige Ruheherzfrequenz mit sportlicher Exzellenz assoziiert. Besonders im Ausdauersport gilt häufig die unausgesprochene Regel: Je niedriger der Puls, desto fitter die Athletin oder der Athlet. Diese Annahme ist nicht grundsätzlich falsch – aber sie greift doch etwas zu kurz.
Regelmäßiges Ausdauertraining führt tatsächlich zu Anpassungen des Herz-Kreislauf-Systems, die eine niedrigere Herzfrequenz ermöglichen. Problematisch wird es jedoch, wenn ausschließlich die Zahl betrachtet wird, ohne die zugrunde liegenden Mechanismen zu hinterfragen.
Was ein gesundes „Athlete's Heart“ ausmacht
Ein physiologisch adaptiertes Sportlerherz entsteht durch die Kombination aus angemessenem Training und ausreichender Energiezufuhr.
Typische Anpassungen sind:
- Physiologische Myokardhypertrophie (Vergrößerung und Kräftigung des Herzmuskels)
- Erhöhtes Schlagvolumen
- Verbesserte kardiale Effizienz
- Optimierte Sauerstoffversorgung der Gewebe
In diesem Fall spiegelt eine niedrige Ruheherzfrequenz die Leistungsfähigkeit des Herzens wider. Das Herz muss seltener schlagen, weil mit jedem Herzschlag mehr Blut transportiert wird.
Entscheidend ist dabei: Diese Anpassungen sind energieabhängig.
Das Herz ist ein Muskel. Wie jeder andere Muskel kann auch Herzgewebe nur dann aufgebaut und erhalten werden, wenn ausreichend Energie und Nährstoffe zur Verfügung stehen.
Wann eine niedrige Herzfrequenz ein Hinweis auf REDs sein kann
Nicht jede Bradykardie bei Athlet:innen ist eine Trainingsanpassung.
Bei REDs kann eine niedrige Ruheherzfrequenz Ausdruck eines Energiesparmodus sein. Der Organismus reduziert seinen Energieverbrauch, um trotz unzureichender Energiezufuhr lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten.
Mögliche Mechanismen sind:
- Abnahme der Herzmuskelmasse statt physiologischer Hypertrophie
- Verminderte Aktivität des autonomen Nervensystems
- Reduktion der Stoffwechselrate
- Hormonelle Anpassungen zur Energieeinsparung
Die Herzfrequenz sinkt dann nicht aufgrund einer verbesserten Leistungsfähigkeit, sondern weil der Körper versucht, Energie zu sparen.
Dieses Muster erinnert an physiologische Anpassungen, die auch bei Hungerzuständen oder Winterschlaf beobachtet werden. Der entscheidende Unterschied: Athlet:innen trainieren häufig weiter und erhöhen dadurch die Belastung eines bereits energetisch eingeschränkten Systems.
Symptome, die häufig übersehen werden
Da eine niedrige Herzfrequenz im Sport oft positiv bewertet wird, werden begleitende Symptome häufig ignoriert oder fehlinterpretiert.
Betroffene Athlet:innen berichten häufig über:
- Anhaltende Müdigkeit
- Verminderte Belastbarkeit
- Kalte Hände und Füße
- Schlafstörungen
- Verzögerte Regeneration
- Das Gefühl, „flach“ oder energielos zu sein
- Leistungsstagnation trotz konstanten Trainings
Diese Symptome werden häufig als normale Trainingsmüdigkeit interpretiert, obwohl sie Hinweise auf eine unzureichende Energieversorgung sein können.
Warum die Trainingshistorie keinen Schutz bietet
Viele Athlet:innen argumentieren: „Ich trainiere schon seit Jahren so.“
Doch die Physiologie reagiert nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die aktuelle Energieverfügbarkeit. Auch langjährige Trainingsanpassungen können durch chronische Unterversorgung beeinträchtigt werden. Ein ehemals optimal adaptiertes Herz kann seine Funktion und Struktur langfristig nur erhalten, wenn ausreichend Energie zur Verfügung steht.
Trainingsumfang, Erfahrung oder sportlicher Erfolg schließen REDs daher nicht aus.
Warum die Herzfrequenz allein nicht ausreicht
Eine isolierte Betrachtung der Herzfrequenz kann zu Fehleinschätzungen führen.
Auch Parameter wie die Herzfrequenzvariabilität (heart rate variability - HRV) sollten vorsichtig interpretiert werden. Bei REDs kann eine verminderte Aktivität des autonomen Nervensystems teilweise Werte erzeugen, die fälschlicherweise als Zeichen guter Erholung interpretiert werden.
Ebenso können Laborparameter im kardiovaskulären Bereich unauffällig erscheinen, obwohl bereits relevante physiologische Anpassungen stattfinden.
Eine fundierte Beurteilung erfordert daher immer die Betrachtung des Gesamtkontextes:
- Energieverfügbarkeit
- Ernährungsstatus
- Hormonelle Gesundheit
- Trainingsbelastung
- Regeneration
- Symptome und Leistungsentwicklung
Conclusio
Eine niedrige Ruheherzfrequenz ist nicht automatisch ein Zeichen von Gesundheit oder Fitness. Sie kann Ausdruck eines leistungsfähigen Sportlerherzens sein – oder ein Warnsignal für REDs und chronische Unterversorgung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie niedrig ist die Ruheherzfrequenz?“, sondern: „Warum ist sie niedrig?“
Nur wenn Herzfrequenz, Energieverfügbarkeit, Leistungsfähigkeit und allgemeines Wohlbefinden gemeinsam betrachtet werden, lässt sich beurteilen, ob es sich um eine positive Trainingsanpassung oder um eine physiologische Schutzreaktion des Körpers handelt.
British Journal of Sports Medicine: An Update on REDs: 2023 IOC Consensus Statement, September 2023 - Volume 57 - 17





