Vor einiger Zeit war ich bei einem extrem guten Vortrag zu Sport und Krebs. Ich habe mich danach etwas in die neue Literatur eingelesen und dabei eine neue Studie entdeckt, die zeigt, dass Bewegung hilft. Ich habe mir anfangs gedacht - ja ok, weiß ich, schließlich hilft Bewegung bei fast allem.
Natürlich hilft Bewegung. Aber hier geht es um mehr.
Heute weiß ich: Genau hier lag der Denkfehler. Denn diese Studie war keine weitere Beobachtung, sondern ein wissenschaftlicher Meilenstein. Viele Studien belegen, dass Bewegung die Lebensqualität verbessert, Entzündungsparameter senkt oder bestimmte zelluläre Prozesse beeinflusst. Aber zum ersten Mal konnte eine randomisierte kontrollierte Studie – der Goldstandard der Medizin – zeigen, dass Bewegung die Lebenszeit von Krebspatient:innen verlängert. Nicht nur Lebensqualität, nicht nur Laborwerte, sondern echtes Überleben. Und deswegen gibt es einige wichtige Schlussfolgerungen.
Bewegung hilft – aber diesmal geht es um mehr
Ein häufiger Kritikpunkt bei vielen Trainingsstudien in der Trainingswissenschaft ist, dass Studien entweder zu klein oder methodisch schwach sind. Wenn eine Studie nur acht Teilnehmende hat, woher wissen wir, dass die Ergebnisse nicht Zufall waren? Und wenn es keine randomisierte Studie ist, wie können wir sicher sein, dass keine Störfaktoren die Ergebnisse verzerren?
Genau das war häufig auch die Sorge bei früheren Beobachtungsstudien, die nachgewiesen bzw. angedeutet haben, dass Bewegung Darmkrebspatient:innen helfen könnte. Denn vielleicht waren diejenigen, die am meisten trainierten, einfach jene mit der mildesten Erkrankung oder der am wenigsten aggressiven Krebsform und lebten deshalb länger.
In der aktuellen Studie, die von Courneya und Kollegen im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, wurden 889 Patient:innen aus 55 Gesundheitszentren in sechs Ländern miteinbezogen. Alle hatten zwischen 2009 und 2024 eine Operation und Chemotherapie hinter sich. Die Hälfte der Teilnehmenden wurde zufällig zu einem dreijährigen, teilweise betreuten Bewegungsprogramm zugeteilt.
Das Ergebnis:
Die Teilnehmer:innen im Trainingsprogramm hatten während der Nachbeobachtungszeit ein um 37 Prozent geringeres Sterberisiko und ein um 28 Prozent geringeres Risiko für ein Wiederauftreten von Darmkrebs oder einen anderen Krebs.
Was hinter diesen Zahlen steckt, ist das enorme Ausmaß dieses Projekts.
Warum diese Studie so beeeindruckend ist
Für mich liegt der eigentliche Meilenstein der Studie in der Grafik, die zeigt, wie viel Prozent der Patient:innen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten nach Studieneinschluss noch lebten.

Es gab 445 Personen in der Trainingsgruppe und 444 in der Kontrollgruppe. Nach acht Jahren waren 41 Personen aus der Trainingsgruppe gestorben, verglichen mit 66 aus der Kontrollgruppe. Wenn ich selbst an Darmkrebs erkranken würde, wüsste ich sofort, in welcher Gruppe ich lieber wäre.
Es gibt außerdem gute Gründe, anzunehmen, dass diese Logik auch auf andere Krebsarten übertragbar ist, da der zugrunde liegende Mechanismus vermutlich systemisch wirkt – etwa durch reduzierte Entzündungen oder eine verbesserte Blutzuckerregulation. Passend dazu entwickelten Teilnehmende der Trainingsgruppe auch signifikant seltener neue Krebserkrankungen in anderen Körperregionen.
Menschen einfach zu sagen, sie sollen sich bewegen, reicht nicht
Wichtig zu nennen ist, dass die Kontrollgruppe keineswegs sich selbst überlassen wurde. Sie erhielt Informationsmaterial zur Gesundheitsförderung, das auf die Bedeutung von Bewegung hinwies. Das entspricht den allgemeinen Empfehlungen, die wir alle kennen: Bewegung ist gut für uns. Aber: dieses Wissen allein bringt die meisten von uns eben nicht dazu, tatsächlich aktiv zu werden.
Warum „einfach mehr bewegen“ nicht reicht
Im ersten Jahr erhielten die Patient:innen alle zwei Wochen betreutes Training und Sitzungen zur Verhaltensunterstützung mit ihren Trainer:innen. Im zweiten und dritten Jahr fanden diese Sitzungen monatlich statt.
Die Studienteilnehmer:innen konnten jede Form von Ausdauertraining wählen, die sie wollten. Ziel war eine Steigerung der wöchentlichen Aktivität um etwa 10 MET-Stunden, was ungefähr zweieinhalb Stunden zügigem Gehen pro Woche entspricht. Die meisten entschieden sich tatsächlich fürs Gehen.
Diese Kombination aus Struktur, Feedback und Verbindlichkeit machte den Unterschied. Das heißt nicht, dass alle immer erschienen sind. Selbst als die Teilnahmequote im dritten Jahr unter 60 % fiel, reichte die Begleitung aus, um messbare Verbesserungen der Fitness (VO₂max) zu erzielen – deutlich stärker als in der Kontrollgruppe.

Coaching ist kein Luxus
All das spricht klar dafür, Bewegung als feste Behandlungsoption für Krebspatient:innen zu etablieren. Wie die Autoren anführten, ist der Nutzen vergleichbar mit dem neuer Krebsmedikamente, die 100.000 bis 200.000 Dollar pro Jahr kosten. Das in der Studie eingesetzte Bewegungsprogramm hingegen kostet insgesamt etwa 3.000 Dollar für drei Jahre.
Anders als Medikamente werden solche Programme jedoch in der Regel nicht von Krankenkassen übernommen.
Die Autoren befassen sich deshalb derzeit mit einer detaillierten Kosten-Nutzen-Analyse, doch es scheint klar, dass jede Investition in betreute Bewegung sich langfristig mehr als auszahlt. Dennoch hält sich hartnäckig das Gefühl, dass Anleitungen zu Bewegung weniger greifbar – und weniger „bezahlenswert“ – seien als Medikamente oder medizinische Eingriffe.
Mit diesem Gefühl setzen sich auch hierzulande viele auseinander, denn mit einem Trainingstherapeuten oder Sportwissenschafter zu arbeiten, ist für viele noch immer eine finanzielle Überwindung. Wenn man es einmal getan hat und den Nutzen sieht, dann ist für viele rückblickend dieses standhaft bleiben und manchmal auch Drängen (von Familie oder Bekannten) eine der besten Entscheidungen, die sie für sich je getroffen habe.
Und genau deshalb ist diese neue Darmkrebs-Studie so wichtig. Man kann – wie ich anfangs – sagen, dass die Ergebnisse offensichtlich und vorhersehbar seien. Aber wenn wir wirklich verändern wollen, wie Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen, brauchen wir genau solche medizinisch belastbaren Beweise.
Warum diese Studie so wichtig ist
Man könnte sagen: „Das war doch eh alles absehbar.“ Ja, schon, aber Medizin funktioniert nicht nach Bauchgefühl, sondern nach Beweisen.
und genauso ist es bei der Bewegung. Trainingstherapie ist genau das und es ist wichtig, dass Trainingstherapie:
- als Therapie ernst genommen wird
- in Leitlinien aufgenommen wird
- strukturell finanziert wird
- und den Patient:innen nicht vorenthalten wird.
Diese Untersuchung hat das eindrucksvoll gezeigt:
Bewegung ist kein Lifestyle-Extra. Sie ist Medizin.
Courneya et al. (2025) Structured Exercise after Adjuvant Chemotherapy for Colon Cancer. N Engl J Med 2025; 393:13-25. DOI: 10.1056/NEJMoa2502760

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