Prehabilitation? Gibt es das? Und macht das Sinn?

Die Prehabilitation ist ein spannender Trainingsbereich. Das Ziel dabei ist genau definiert: den Körper optimal auf die Rehabilitation vorzubereiten. Je fitter man in eine Operation oder in eine Chemotherapie geht, desto besser ist die Leistungs- und die Funktionsfähigkeit danach. Körperliche Fitness ist ein wesentlicher Faktor, der uns hilft, bei Knochenbrüchen, operativen Eingriffen oder Chemotherapien schneller wieder fit zu werden. Somit ist die Frage, ob das Sinn macht, schon mal geklärt.

Entscheidend ist ein fundiertes Wissen um die physiologischen Prozesse, die bei und nach einem Training im Körper ablaufen. Oftmals schlummern schon Entzündungen im Körper. Die Trainingsreize müssen so gesetzt werden, dass diese zu einer positiven Anpassung führen, das Immunsystem aber nicht noch mehr ins Wanken bringen. Das entsprechende Wissen der Physiologie einer Bewegung, die Auswirkungen körperlichen Trainings auf den Stoffwechsel – ein Schwerpunkt der sportwissenschaftlichen Ausbildung – erlaubt es, ein Training genau auf die Anforderung der Person abzustimmen. 

Reha vor der eigentlichen Reha?

Ein individualisiertes, körperliches Training setzt gerade hier in der Form der Prehabilitation eine wesentlichen Anker für den Verlauf der Rehabilitation. In dieser Vorbereitungsphase setzen wir optimal dosierte Trainingsreize abgestimmt auf die kommende OP. Wir bewegen uns in den Trainingseinheiten in jenem Bereich, der durch die Bewegungs- oder Gesundheitseinschränkungen noch umsetzbar ist – also im Rahmen des individuell Möglichen. Sowohl das gezielte Ausdauertraining für ein gut funktionierendes Herzkreislaufsystem oder ein optimaler Aufbau von Kraft und Koordination stärken den Körper bereits vor dem Eingriff. Was das bringen soll? Viel, denn so erhalten wir die Gesundheit des Körpers soweit wie möglich und wir schaffen optimale Voraussetzungen für die Situation nach der OP. 

Studien (1-3) haben schon klar belegt, dass selbst schwerkranke Menschen von einem entsprechen dosiertem Training vor ihren Operationen profitieren. Gerade schwerkranke oder ältere Menschen, wo das Problem der Sarkopenie allgegenwärtig ist, profitieren umso mehr von einer Prehabilitation. So kann gerade die Muskelatrophie (Muskelschwund) entscheidend verringert werden; ein gut ausdauertrainiertes Herz verkraftet auch die Anforderungen einer OP an den Körper besser. Ein trainiertes Immunsystem reagiert besser bei den Entzündungsprozessen im Körper, die nach einer Operation auftreten und unterstützt die Erholungsprozesse.

Was spricht noch für ein Training gerade vor der Operation? Oftmals ist genau die Zeit vor der Operation die Zeit der großen Inaktivität. Durch die körperliche Einschränkung kommt es häufig zu physischen und psychischen Stress und dadurch zu noch mehr Inaktivität als eigentlich nötig. Dieser Antriebslosigkeit wird durch körperliches Training gekontert. Spezielle Trainingseinheiten, die die entsprechenden Intensitäten und Regenerationszeiten optimal berücksichtigen oder z.B. auch wesentliche Aspekte des Atemtrainings beinhalten, dienen als perfekte OP-Vorbereitung

Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt ist die psychische Belastung. Ein Eingriff oder eine Chemotherapie bürgen immer einen gewissen Unsicherheitsfaktor in sich, der sich auf unsere Psyche auswirkt. Zudem sind wir in unserem Tun eingeschränkt und Schmerzen sind immer ein Faktor, der sich negativ aufs Gemüt auswirkt. Dazu kommt dann noch der Stress, weil man nicht alles machen kann, wozu man eigentlich Lust hätte. Mithilfe des Trainings arbeiten wir genau gegen dieses dunkle Loch. Bewegung wirkt sich positiv auf die Psyche aus, weil Bewegung und Sport deinen Körper dazu bringen, die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin, Insulin und Cortisol abzubauen und ihn so wieder mehr ins hormonelle Gleichgewicht rücken. 

Bewegung und… Ernährung. Neben dem Sport noch die Ernährung auf die anstehenden Operation oder Chemotherapie einzustellen, bringt einen zusätzlichen Regenerationsfaktor ins Spiel. Sei es für die Muskeln, wegen der Entzündungsprozesse nach dem Eingriff etc. mit der richtigen Ernährung ist sowohl vor als auch nach der OP ein positiver Zusatzfaktor vorhanden, der dem Körper noch  einen wesentlichen Boost geben kann.

Bewegung und Ernährung gehen nicht nur bei Sportler Hand in Hand, auch in der Prehabilitation und Rehabilitation liefert diese Duo einen entscheidenden Beitrag. Und umso schneller man wieder seinen sportlichen Tätigkeiten nachgehen kann, sein Training in jeder Altersklasse wieder aufnehmen kann, desto besser ist es auch für das Gesundheitssystem. Denn Kranke kosten immer mehr als wieder gesundete, oder? 

  • 1 Valkenet K, van de Port IG, Dronkers JJ, de Vries WR, Lindeman E, Backx FJ: The effects of preoperative exercise therapy on postoperative outcome: a systematic review. Clin Rehabil 2011; 25 (2): 99–111
  • 2 Heldens AF, Bongers BC, de Vos-Geelen J, van Meeteren NL, Lenssen AF: Feasibility and preliminary effectiveness of a physical exercise training program during neoadjuvant chemoradiotherapy in individual patients with rectal cancer prior to major elective surgery. Eur J Surg Oncol 2016; 42 (9): 1322–30
  • 3 Le Roy B, Pereira B, Bouteloup C, et al.: Effect of prehabilitation in gastro-oesophageal adenocarcinoma: study protocol of a multicentric, randomised, control trial – the PREHAB study. BMJ Open 2016; 6 (12): e012876